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  • Simone Ebner

Die 7 Arten von Hunger - 7 Gründe für Appetit oder Hunger

Essen ist mehr als eine Notwendigkeit, um die Nährstoffversorgung unseres Körpers sicherzustellen. Essen soll auch Genuss sein, geht mit sozialen Erfahrungen einher und ist an Emotionen sowie Erinnerungen geknüpft. Oft essen wir aus unterschiedlichsten Gründen, die nicht auf körperlichem Hunger beruhen. Um ein genussvolles Essverhalten zu leben, macht es Sinn, sich die vielseitigen Gründe für Hunger oder Appetit bewusst zu machen. Hat man ein besseres Verständnis dafür entwickelt, warum Hunger bzw. Appetit in einer bestimmten Situation entsteht, so gelingt ein achtsamer Umgang mit der Ernährung, der den Weg zum gesunden Wohlfühlgewicht erleichtert.


Die Ärztin und Autorin Jan Chozen Bays unterscheidet in ihrem Buch “Achtsam Essen” sieben Arten von Hunger (bzw. Appetit), die wir alle kennen, im Alltag aber nicht immer bewusst wahrnehmen. Die verwendeten Begriffe für die einzelnen Arten des Hungers mögen auf den ersten Blick vielleicht ein wenig befremdlich klingen, erkennt man jedoch, welche Bedeutung dahinter steckt, wird man feststellen, dass es sich um sehr vertraute Empfindungen handelt 😉


ein Teller mit der Nummer 7 - "7Arten des Hungers"

7 Gründe für Hunger oder Appetit

1. “Augenhunger”

Nach einem ausgiebigen Essen im Restaurant verlockt die wunderschön angerichtete Auswahl in der Kuchenvitrine zu einer Nachspeise, obwohl man bereits mehr als satt ist. Wer kennt das nicht? Augenhunger bezeichnet das Verlangen nach einer Speise, weil diese ansprechend präsentiert wird oder köstlich aussieht, selbst dann, wenn wir keinen körperlichen Hunger haben. Die Werbung weiß diese Art des Hungers zu nutzen: Hochwertige Bilder von appetitlich angerichteten Speisen, saftigen Burgern, erfrischenden Getränken oder ansprechend gestaltete Verpackungen – all das kann zu “Augenhunger” führen. Die Vielfalt an Farben und Formen am Teller sowie das liebevolle Anrichten einer Mahlzeit kommt dem “Augenhunger” nach.


eine Blume aus Karottenscheiben und Selleriestangen

2. “Nasenhunger”

Gerüche haben eine sehr starke Wirkung auf uns. Der Geruch einer Speise leistet einen großen Beitrag zum Geschmackserlebnis. Mahlzeiten, die mit verschnupfter Nase verzehrt werden, schmecken langweiliger und sind weniger befriedigend.

Auch diese Form des Hungers wird von der Verkaufspsychologie genutzt. Man denke nur an Supermärkte, die in der Backabteilung Brot, Gebäck und Süßes vor Ort frisch aufbacken. Düfte von frisch zubereiteten Kuchen oder Brot schmeicheln unserer Nase . . . Der wachsende Appetit ausgelöst durch diese Gerüche ist uns allen vertraut.

Diese Form des Hungers kann besonders intensiv sein, denn Gerüche sind oft mit Erinnerungen und Emotionen verknüpft. Unvergessliche Kindheitserinnerungen, die mit positiven Gefühlen assoziiert sind - etwa an Omas Weihnachtskekse oder die alljährliche Geburtstagstorte - machen das Widerstehen schwierig.


ein Kuchen, der mit Zucker bestreut wird

3. “Mundhunger”

“Mundhunger” entsteht durch das Verlangen nach bestimmten Geschmacksrichtungen oder Texturen. Oft essen wir aus reiner Lust auf bestimmte Aromen, aus Appetit auf etwas Süßes oder Salziges. Bestimmte Konsistenzen und das Kaugefühl steigern die Lust auf spezielle Lebensmittel - z.B. die krossen Chips oder Cracker, die zart schmelzende Eiskugel oder Nougatpraline, die knackigen Knabbernüsse, usw.

“Mundhunger” richtet sich nach individuellen Vorlieben, kulturellen Traditionen und angenehmen bzw. unangenehmen Erfahrungen in Verbindung mit der jeweiligen Speise. So kann die Erfahrung von Übelkeit nach einer bestimmten Mahlzeit zur künftigen Ablehnung dieser Mahlzeit führen. In manchen Ländern steht der Geschmack extrem scharfer Gerichte auf dem täglichen Speiseplan (sogar zum Frühstück), während in unseren Breiten sehr scharfes Essen oft unerwünscht ist. Ein weiteres Beispiel ist der Geschmack des Koriandergrüns, an dem sich die Geister scheiden 😉 Geschmäcker sind eben verschieden und zudem oft ein Resultat von Gewohnheiten - so können sich unsere Vorlieben beispielsweise an einen mehr oder weniger intensiven süßen Geschmack anpassen.

Um den “Mundhunger” angemessen zu stillen, ist es wichtig, während der Mahlzeit mit Aufmerksamkeit dabei zu sein, ohne Ablenkung, die den Fokus vom Geschmackserlebnis abschweifen lässt. Achtlos zu essen, führt dazu, dass nach einer Mahlzeit ein unbefriedigendes Gefühl zurückbleibt - die “emotionale Sättigung” fehlt. Idealerweise ist die Aufmerksamkeit beim Essen der Wahrnehmung von Konsistenzen, Gerüchen, Geschmacksempfindungen, Kaubwegungen, usw. zugewandt, um den Bedürfnissen des “Mundhungers” nachzukommen. Der Mund verlangt nach Vielfalt in Geschmack und Konsistenz - ein Mund, der sich langweilt, fordert schnell den nächsten Bissen, was dazu führen kann, dass mehr gegessen wird als der Körper braucht.


4. “Magenhunger”

Durch den “Magenhunger” signalisiert unser Körper, dass er Nahrung für die Energiegewinnung und Aufrechterhaltung notwendiger Funktionen braucht. Diese Form des Hungers kommt in der heutigen Zeit des Überflusses wohl eher selten vor. Sie hilft dabei, die Nahrungsaufnahme angemessen an den Bedarf des Körpers anzupassen. Körperlicher Hunger baut sich allmählich auf und wird von Anzeichen wie Magenknurren, Schwächegefühl oder Konzentrationsschwierigkeiten begleitet. Regelmäßige und ausgewogene Mahlzeiten stellen sicher, die grundlegenden Bedürfnisse des Körpers zu stillen.

Unser Magen ist lernfähig und entwickelt Gewohnheiten. Wird beispielsweise regelmäßig zu festgelegten Zeiten gegessen, so erwartet der Magen bereits die Mahlzeit zu dieser bestimmten Zeit. Erfolgt die Mahlzeit dann nicht zum gewohnten Zeitpunkt, wird die Speise durch Magenknurren regelrecht eingefordert. Menschen, die nie frühstücken, haben morgens kein Magenknurren - im Gegensatz zu Menschen, die ein regelmäßiges Frühstück gew6. ohnt sind.


5. “Zellhunger”

Der zelluläre Hunger deutet auf den Bedarf bestimmter Nährstoffe hin. Er sorgt dafür, dass genau jene Nährstoffe aufgenommen werden, die der Körper aktuell braucht - z.B. durch Durst bei Flüssigkeitsmangel oder durch das Verlangen nach Kohlenhydraten oder Salz in Folge intensiver sportlicher Belastung. Dadurch bekommt der Körper genau jene Nährstoffe, die die Zellen für ihr physiologisches Gleichgewicht benötigen.

Neugeborene folgen den natürlichen Körpersignalen, die darauf hinweisen, wann gegessen und wann damit aufgehört werden sollte. Sie verfügen über ein instinktives Bewusstsein, welche und wie viel Nahrung der Körper braucht. Dieser Instinkt geht im Laufe des Lebens verloren. Wir erhalten widersprüchliche Informationen durch unser soziales Umfeld, Medien, Diät- und Ernährungstrends. Die grundlegenden Bedürfnisse des Körpers finden keine Beachtung mehr. Die kognitive Kontrolle nimmt zu. Es entwickelt sich ein “verkopftes Essverhalten”. Um den “Zellhunger” zu stillen, ist es grundlegend, zu lernen und wahrzunehmen, welche Nährstoffe der Körper wirklich braucht. Dazu zählt auch die Unterscheidung zwischen Hunger und Durst, was viele bereits “verlernt” haben.


6. “Geistiger Hunger”

“Geistiger Hunger” kann sich über körperliche Sättigungssignale hinwegsetzen. Befürchtet man beispielsweise nur ein kleines Abendessen zu bekommen, so drängt der Geist Mittags zu einem extra Nachschlag, obwohl man eigentlich satt ist.

Der “geistige Hunger” betrifft unsere Gedanken zum Thema Ernährung, die aus unterschiedlichen Informationsquellen resultieren: Bücher, Zeitschriften, Gespräche, Empfehlungen, Medienberichte, Trends und Diäten. usw. “Ich sollte mindestens xy Liter Wasser trinken.” “Ich sollte weniger / mehr von xy essen.”

Dies führt oft zu hohen Selbstansprüchen alles richtig machen zu wollen. Das Essverhalten wird rationalisiert, Lebensmittel werden in “gute” und “schlechte”, “erlaubte” und “verbotene” eingeteilt. Kein Lebensmittel ist “ausschließlich gut” oder “ausschließlich schlecht”. So kann zum Beispiel ein zu hoher Wasserkonsum zu einem lebensbedrohlichen Zustand führen. Auf der anderen Seite kann der Verzehr “vermeintlich ungesunder” Lebensmittel im Sinne des Genusses das psychische Wohlbefinden fördern. Es ist alles eine Frage der Dosis.

Da Aussagen über Ernährungsempfehlungen oft widersprüchlich sind oder etwa durch neue Studien revidiert werden, kann rationalisiertes, “verkopftes” Essverhalten Verwirrung stiften - das natürliche Bauchgefühl für das, was gut tut, satt und zufrieden macht, geht verloren. Um dem “schwarz-weiß-Denken”, dem Abgleiten in Extreme und dem Verzicht auf Genuss zu entgehen, hilft ein ausbalancierter Weg zwischen dem intuitiven Stillen der körperlichen Bedürfnisse und dem realistischen, flexiblen Blick auf "Ernährungsinformationen".


7. “Herzhunger”

Ebenso wie die Schokolade in der Kindheit als Belohnung für gute Noten galt, kann sie im Erwachsenenalter als Belohnung für die Bewältigung eines herausfordernden Tages dienen. Es geht hier um ein Ritual der Selbstfürsorge. Beim “Herzhunger” soll Essen dabei helfen, mit schwierigen Gefühlen umzugehen. Ursache ist die fehlende Wahrnehmung der dahinterstehenden Bedürfnisse. Keine Speise vermag diese Art des Hungers zu stillen! Um ihn zu stillen, müssen wir lernen, unsere eigenen Bedürfnisse zu erkennen und ihnen angemessen nachzukommen.

Oft wird unbewusst gegessen, um eine Leere zu füllen - jedoch nicht die Leere im Magen, sondern die im Herzen. Die emotionale Leere kann nicht durch Nahrung ausgeglichen werden. Sie geht mit unangenehmen Emotionen einher - Einsamkeit, Traurigkeit, Enttäuschung aber auch Gereiztheit, Ärger, Frustration oder Ungeduld, . . . Dahinter stehen ungestillte Bedürfnisse, denen es auf anderem Wege nachzukommen gilt als mit Essen.


Achtsames Essen

Das Erkennen der individuellen Gründe für Hunger bzw. Appetit ist der erste Schritt in Richtung achtsames Essen . . . in Richtung “entspanntes und unbeschwertes Essverhalten” ohne Essdrang, Heißhunger und Überessen. Dadurch steigen körperliches und emotionales Wohlbefinden. Integrative Ernährung und Gesundheitspsychologie unterstützen beim Umgang mit den sieben Arten des Hungers und begleiten auf diesem Weg zu mehr Lebensqualität und dem individuellen Wohlfühlgewicht.


Quelle:

Jan, Chozen Bays. Achtsam Essen. 2009

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